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Die Katakombenheiligen in Südtirol – Erforschung, Erhaltung und Aufwertung eines vergessenen Kulturerbes

Viele Besucher der Kirchen nehmen die prachtvoll geschmückten Reliquien in ihren Glasschreinen kaum zur Kenntnis. Die Reaktionen jener, die sie bemerken, decken meist die gesamte Gefühlspalette zwischen Erschrecken, Schauer, Staunen und Erheiterung ab. Die Devotion, die frühere Generationen den Römerheiligen vor deren irdischen Überresten darbrachten, scheint völlig vergessen. Umso bedauerlicher ist es, dass keine tiefgehende Arbeit vorliegt, die diesen für Südtirol so bedeutenden Aspekt der barocken Frömmigkeit thematisiert und erforscht.

1578 gab der Erdboden in den Weingärten an der römischen Via Salaria nach und legte die unterirdischen Galasse einer Katakombe frei. Im Klima der beginnenden katholischen Reform änderte sich der Blickwinkel; stand bisher die Neugier und das Interesse an der Antike im Vordergrund, wandte man nun das Augenmerk auf den heroischen Widerstand, den die frühen Christen den Glaubensanfechtungen durch das Heidentum bis zum Martyrium entgegensetzten. So gesellte sich zum aufkommenden archäologischen Interesse an den christlichen Altertümern eine massive Aufmerksamkeit der kirchlichen Hierarchie hinzu.

Die Reliquien wurden zu Unterpfändern für eine unverfälschte und unverkürzte Tradition des Glaubens von den Tagen des frühen Christentums bis in die Zeit des päpstlichen Rom der Gegenreformation. In der Annahme, dass alle in den Katakomben Bestatteten frühchristlichen Märtyrer seien, erhob man in großen Umfang die heiligen Leiber und übergab sie an kirchliche Institutionen in ganz Europa. Diese Praxis wurde bis in das 19. Jahrhundert hinein kaum hinterfragt.

Dass in Südtirol im Verhältnis zur Größe des Territoriums besonders viele Katakombenheilige vorhanden sind, erklärt sich aus den antiprotestantischen, der katholischen Reform verpflichteten Tendenzen im Bistum Brixen. In der eucharistischen Frömmigkeit war die Heiligen- und Reliquienverehrung ein Bereich, in dem eine Abgrenzung der verschiedenen religiösen Auffassungen besonders augenfällig erfolgen konnte und ein Übergreifen des Protestantismus auf die Pfarreien der Diözese Brixen verhindern sollte.

Projektbeschreibung

Bestandsaufnahme
Restaurierung und Konservierung
Forschung und Ausbildung
Wissenschaftliche Publikationen
Symposium

Bestandsaufnahme

Seit Herbst 2017 erfolgt die Bestandsaufnahme in Klöstern und Kirchen in Südtirol. Bisher wurden zweiundvierzig Ganzkörperreliquien lokalisiert, die fotografisch, textiltechnisch sowie deren Erhaltungszustand dokumentiert wurden. Dabei ist anzumerken, dass sich eine Bestandsaufnahme oft einer akribischen Detektivarbeit ähnlich darstellt, da sich die Katakombenheiligen nicht immer in den Kirchen befinden, sondern manchmal im Keller oder im Dachgeschoss unwürdig abgestellt sind. Einer vorsichtigen Schätzung zufolge dürften in Südtirol ca. 60 Katakombenheilige ( ausgenommen sind Reliquienschreine die einen Schädel oder einige wenige Knochen beinhalten) vorhanden sein.

Restaurierung und Konservierung

Die häufig in einem Glassarg an den Seitenaltären befindlichen Ganzkörperskelette oder Holzfiguren, die mit einer transparenten Gaze überzogenen menschlichen Gebeinen ausgestattet sind, wurden kunstvoll mit bunten Glassteinen, Perlen, Spitzen, filigranen Dekorationen und dekorativen und prächtigen Stoffen geschmückt. Von den betreffenden Pfarreien und Gemeinden wurden für die Produktion und Ausstattung dieser Heiligenfiguren ehemals sehr hohe Investitionen getätigt, welche den verschiedenen beauftragten Werkstätten zugute kamen. In vielen Kirchen Europas sind heute noch diese außergewöhnlich wertvollen Kunstwerke dieses Brauchtums zu bewundern. In Südtirol sind sehr viele dieser Zeugnisse der Volksfrömmigkeit erhalten, allerdings hat ihre teilweise Verwahrlosung dazu beigetragen, dass ihr Zustand dementsprechend schlecht ist und somit dem Verfall preisgegeben sind.

Ziele der Restaurierung und Konservierung

Die Ziele der Restaurierung und Konservierung sind die Erhaltung, Aufwertung und Würdigung dieser erstaunlichen Werke von besonders wichtiger, künstlerischer und geschichtlicher Bedeutung. Sie sind Zeugnisse von hochwertigem barockem Handwerk und kostbare Schätze aus religiöser, kultureller und historischer Sicht. Drei Katakombenmärtyrer sind bereits restauriert worden (zwei stehende Katakombenheilige aus der Pfarrkirche in St. Martin in Passeier, der hl. Magnus und hl. Valentinus und der liegende hl. Viktor aus der Stiftskirche in Neustift).

Forschung und Ausbildung

Das Gebiet der Katakombenheiligen ist bisher wenig bis gar nicht erforscht. Geschichtliche Umstände, die Abgrenzungen von verschiedenen religiösen Auffassungen, die schließlich zu einer Kirchenerneuerung führten und im 18. Jahrhundert in der Volksmission endeten, werden tiefergehen beleuchtet. Wissenschaftlich untersucht werden neben den Herkunftsbescheinigungen auch die jeweiligen Transportbedingungen, sowie die wissenschaftliche Analyse zu Alter, Lebensweise, Ernährung usw. die nähere Auskünfte über das Vorleben der Katakombenmärtyrer geben können.

Ausbildung

Da es sich bei der Restaurierung und Konservierung der Katakombenheiligen um eine interdisziplinäre Tätigkeit zwischen Textilrestaurierung, Holzrestaurierung, Metallrestaurierung, Restaurierung von Knochen und um die Wissensvermittlung über geschichtlich und kirchenhistorisch bedeutende Reliquen handelt, plant die Europäische Textilakademie einen Ausbildungslehrgang für diesen Fachbereich.

Wissenschaftliche Publikation

Parallel zu den Forschungstätigkeiten werden Fachbeiträge gesammelt und in einer wissenschaftlichen Publikation zusammengeführt.

Beteiligte Personen

In Zusammenarbeit mit der Diözese Bozen/Brixen und den Pfarreien wird die gesamte Planung von der Europäischen Textilakademie durchgeführt, die jeweils für die einzelnen Zuständigkeiten den Experten hinzuzieht. Für die wissenschaftliche Dokumentation werden Historiker, Kunsthistoriker und Experten aus den jeweiligen Fachgebieten beauftragt.

Projektleiter: Europäische Textilakademie

Restaurierung: Irene Tomedi, Claudio Temelin

Fotografische Dokumentation: Heinrich Wegmann

Filmdokumentation: Christoph Wieser